Wat senn at hondet Johr?

Niederdrees im Ersten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit

Vor 100 Jahren endete am 11. November der Erste Weltkrieg mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens durch die neue deutsche Regierung im Wald von Compiègne.

Wie nahmen die Niederdreeser Krieg und Nachkriegszeit wahr?

Es wird stiller im Dorf

Nachdem am Nachmittag des 1. August 1914 der Gemeindediener Heeger mit der Ortsschelle die Mobilmachung im Dorf verkündet hatte und die Glocken von St. Antonius die Nachricht über das Land sandten, reagierten die Niederdreeser keineswegs mit Jubel. Dass sie die ganze Bedeutung der Nachricht voll erfasst hatten, zeigte sich am folgenden Morgen. Schon sehr früh, weit vor Beginn der hl. Messe, war bereits die Kapelle von andächtigen Betern erfüllt, tiefe Trauer lag auf ihren Gesichtern.

Es waren schlimme Jahre, die jetzt folgten, die Jahre des Krieges von August 1914 bis November 1918, erst recht die Nachkriegsjahre. Aus Niederdrees wurden 62 Männer in den Krieg geschickt, davon kehrten 12 nicht mehr zurück.

1914 beschließt der Gemeinderat, Kirmes wegen des Krieges in diesem Jahr ausfallen zu lassen. Hatte nicht der Kaiser seinen Soldaten versprochen, dass sie Weihnachten wieder zu Hause sein werden? Erst 1921 wird wieder eine Kirmes im Dorf gefeiert werden. So ist das mit kaiserlichen Versprechen.

Im Jahre 1917 wird es noch stiller im Dorf, die Antonius-Glocke wird abgeholt, um für Munition und Kanonen eingeschmolzen zu werden. Erst zehn Jahre später, am Palmsonntag 1927, wird eine neue Glocke geweiht.

Trotz des ausgebrochenen Krieges wird im November 1914 gewählt. Der bisherige Gemeindevorsteher, Heinrich Fuß, wird in seinem Amt bestätigt. Doch lange kann er es nicht mehr ausführen. Am 25. Juni 1915 tritt er in das Heer ein, „voll Gottvertrauen“, wie es heißt, um ab September auf dem westlichen Kriegsschauplatze als Füsilier im Garde-Grenadier-regiment Nr. 4 zu kämpfen. Einen knappen Monat später, am 13. Oktober wird er durch eine Handgranate schwer verwundet und stirbt am 23. Oktober im Lazarett. Seine Kameraden begraben ihn auf dem Soldatenfriedhof in Donai/Frankreich und weitab in seinem Heimatdorf werden für den Gemeindevorsteher, Kirchenrendanten und gefallenen Krieger die Exequien gehalten. Die Schulkinder wohnen dem Trauergottesdienste bei.

Jakob Fuss folgt ihm im Amt nach.

Mangelwirtschaft für Mensch und Vieh

Am 1. Dezember 1916, im dritten Kriegsjahr, leben in Niederdrees 285 Menschen in 55 Haushaltungen, 146 männlichen und 139 weiblichen Geschlechts, davon sind 31 russische Kriegsgefangene. 49 Männer waren zu diesem Zeitpunkt einberufen, bisher sieben gefallen, einer vermisst und einer in englischer Gefangenschaft.

Sorgfältig trägt der Gemeindevorsteher Fuss die aufgrund der Kriegswirtschaft angeordneten vierteljährlichen Viehzählungen in das Protokollbuch: 1.9.16 Viehzählung: Kälber unter 3 Mon. 34, Jungvieh 3 Mon. bis 2 Jahre 107, Stiere u. Ochsen über 2 J. 26, Weibl. Rinder über 2 J. 121, Schweine bis 8 Wo 22, bis ½ Jahr 62, bis 1 J. 13 …

Die Lebensmittel werden rationiert. Der Lehrer sinniert am 25. Februar 1916:

„Es ist das dritte Brotbuch, bisher ausgestellt für 26 Wochen. Der Besitzer eines Brotbuches hat das Recht, jede Woche für jedes Glied seiner Familie ein fünfpfündiges Schwarzbrot oder ein dreieinhalbpfündiges Weißbrot einzukaufen, so ist es in diesem Bezirk, anderswo gibt es oft bedeutend weniger. Statt des Brotes kann man auch 1.200 gr. Mehl nehmen…“ 2

Und im letzten Kriegsjahr macht er sich seine Gedanken zur Futterlaubsammlung:

„Die Verpflegung der Pferde mit Hafer war in den letzten Jahren sehr mangelhaft, auch das Heu war knapp. Man hatte gefunden, dass Laub einen wertvollen Ersatz liefert. Verfügung, wonach auch in unserer Gegend die Schulen durchschnittlich an drei Tagen in der Woche den Unterricht aussetzen sollten, um Futterlaub zu sammeln. 1 Zentner Frischlaub kostet 0,30 RM, 1 Zentner Trockenlaub 18 M, …. Darum haben die Schulen fleißig gesammelt, auch wir tun, was wir können. Das Vaterland wird wohl sein Ziel damit erreichen. Nun hört man aus dem Laub würde auch Brot gebacken. …“

Schulunterricht

Die Kriegszeit und die Kriegsfolgen wirken sich auch auf Schule und Unterricht aus. Im Schuljahr 1915 besuchen 62 Jungen und Mädchen die Niederdreeser Volksschule. Seit 1911 ist Johann Schiefer, Jahrgang 1890, Lehrer an der einklassigen Volksschule. Mit Beginn des Schuljahres, am 16. April 1915, wird er zum Heeresdienst einberufen. Der zur Vertretung entsandte Lehramtsanwärter Johann Schmitz, muss einen Monat später, am 7. Mai 1915 einrücken. Dann tritt eine junge Frau vor die Schülerinnen und Schüler.

„Am 9. Mai, einem Sonntage, führte ich in der Nachmittagsandacht die Aufsicht und trat so mein Amt an, die erste Lehrerin in Niederdrees“ notiert Schulamtsbewerberin Elisabeth Becker aus Küdinghoven, 20 Jahre alt, in die Schulchronik. Sie ist wissenschaftlich und musikalisch sehr tüchtig und bereicherte manchen Gottesdienst durch ihren Gesang mit den Mädchen des Dorfes.

Nach einem Jahr, im Mai 1916, wird Johann Schiefer vom Heeresdienst zurückgestellt, vorerst bis 31. Juli und nimmt seine Lehrertätigkeit in Niederdrees wieder auf. Er erkrankt am 29. Januar 1917 und wird von Lehrer Mirbach aus Oberdrees vertreten. Schiefer wohnt in Oberdrees, weil die Lehrerwohnung in Niederdrees in unbewohnbarem Zustand ist. An der Wohnungsfrage scheitert auch im Februar 1917 die Kranken-Vertretung durch die Lehrerin Fräulein Flor. Sie findet in Niederdrees „weder Kosthaus noch Wohnung.“ Der Vertreter Mirbach aus Oberdrees erkrankt ebenfalls. Die Folgen sind Unterrichtsausfall, Verwirrung. Halbgenesen tritt Schiefer seinen Dienst wieder an. Er wird nicht wieder eingezogen und unterrichtet an der Schule bis zum Mai 1927.

Der Rückzug und die Besatzung

Nach dem Waffenstillstand im November 1918 ziehen die deutschen Truppen über den Rhein zurück „… nicht besiegt, aber durch Not und Elend und ungeheure Übermacht an Soldaten und Kriegsgerät bezwungen“ glaubt Lehrer Schiefer und er fühlt sich an Napoleons Rückzug aus Russland erinnert.

Im Dorf begrüßen „Flaggenschmuck und gute Aufnahme die abgekämpften Soldaten.“ Die Schule, Gastwirtschaft und Saal werden zu Zwecken der Einquartierung geräumt. Das Dorf ist zeitweilig überfüllt. Am 14. Dezember verlassen die letzten deutschen Soldaten Niederdrees. In der Zeit vom 19. November bis 3. Dezember 1918 sind beim Rückzug der Deutschen Truppen aus dem Weltkriege insgesamt 196 Offiziere, 5.956 Mann, 2.707 Pferde in Niederdrees einquartiert gewesen. Unter ihnen war auch der Leutnant Albert Leo Schlageter mit seinen Soldaten, der später,1923, beim aktiven Widerstand gegen die Ruhrbesetzung von den Franzosen verhaftet und durch ein französisches Kriegsgericht zum Tode verurteilt wird und dann von der Nazi-Heldenpropaganda missbraucht wurde.

Über dieses Ereignis berichtet uns der Gastwirt Peter Stein:

„Am 19. November 1918 auf dem Rückmarsch der deutschen Armee erhielt ich frühmorgens Einquartierung und zwar einen jungen schlanken Artillerieoffizier und die zu seiner Batterie gehörenden Mannschaften. Der Offizier bat mich, ihm ein Schlafzimmer anzuweisen. Ich kam seinem Wunsche nach und führte ihn auf sein Zimmer. Wir waren kaum eingetreten, da erschienen zwei Unteroffiziere und erklärten, dass das Zimmer für sie sei. Daraufhin sagte der 3

Offizier zu den beiden: „Meinetwegen, ich kann auch auf Stroh schlafen.“ Beschämt zogen die beiden ab. Am gleichen Tage nachmittags ließ er seine Leute antreten und sagte zu ihnen: „So, meine Kameraden, ich denke, dass ihr morgen bei dem Marsch durch Bonn in Zucht und Ordnung marschiert. Wir wollen alle zeigen, dass wir keine Überläufer, sondern, dass wir Frontsoldaten sind.“ Zum Schlusse sagte er noch, dass es keiner wagen dürfe, ihm seine Abzeichen abzureißen, jeden, der es wage, sich an ihm zu vergreifen, schösse er über den Haufen und er hoffe, dass seine Kameraden mit denen er so lange draußen gestanden habe, von demselben Geiste beseelt seien. Das waren echte deutsche Worte, gesprochen von einem deutschen Helden und dieser Held war, wie sich durch das Schreiben des Herrn Pfarrer Faßbender herausstellt Albert Leo Schlageter.“

Den deutschen Truppen folgen die Soldaten der Entente auf dem Fuße. Kanadier eröffnen die Reihe, der Ort ist wieder stark in Anspruch genommen, ständig 120 bis 150 Mann und 60 bis 100 Pferde. Bis in den Januar 1919 ist auch die Schule belegt. Die Truppen ziehen weiter, die Lehrerdienstwohnung, der Schulraum und die Toiletten bleiben in einem jämmerlichen Zustand zurück.

Den aus der Kriegsgefangenschaft nach und nach heimkehrenden Niederdreesern wird ein herzlicher Empfang bereitet. Drei Niederdreeser, Heinrich Barth, Josef Schmitz, Johann Esser, die in englischer Gefangenschaft waren, können im November 1918 in der Heimat begrüßt werden, im Januar 1920 kehrt Heinrich Klein aus französischer Gefangenschaft heim.

Im April 1920 rückt französische Besatzung in Niederdrees ein, 400 Mann und etwa 60 Pferde. Die Schule bleibt diesmal verschont. Bei den Landwirten liegen aber Ställe und Scheunen voll. Die Franzosen verlangen in jedem von Soldaten benutzten Raum elektrisch Licht. Nach sechs Wochen ziehen die Franzosen wieder ab. Im Allgemeinen konnte die Bevölkerung mit der Disziplin der Truppe aber zufrieden sein.

Errichtung einer Gedenkstätte

Langsam tritt wieder Ruhe ein im Dorf. Seit die Gemeindevertretung 1914 beschlossen hatte, wegen des Krieges keine Kirmes zu halten, sind diese Dorffeste ausgefallen. Am Sonntag, den 23. Januar 1921 wird das Antoniusfest als Kleine Kirmes in althergebrachter Form wieder gefeiert, morgens mit feierlichem Hochamt und nachmittags mit einem Zug durchs Dorf einschließlich Fändelschwenken, abends Ball im Saal Stein.

Noch sind die Gefallenen des Dorfes in frischer Erinnerung. Die Gemeindevertretung beschließt aus Mitteln der Kriegs-Wohlfahrtpflege den hinterbliebenen Witwen und den Waisen eine Unterstützung zu bewilligen.

Zum Andenken an die zwölf Gefallenen wird ein Kriegerdenkmal errichtet. Die dafür erforderlichen Mittel kommen durch Spenden zusammen: 3.800 Mark. Als die Gedenkstätte eingeweiht wird, fehlen noch 600,– Mark. Für den Männergesangverein ist es Ehrensache, sich für diesen Betrag zu verbürgen. Am Abend seines Stiftungsfestes ergibt eine Tellersammlung eine Summe von 490 M. Den Rest stiftet der MGV aus seinen Festeinnahmen.

Am Sonntag, den 30. Januar 1921 wird die Gedenktafel der Gemeinde kirchlich eingesegnet. Sie ist im Turmeingang der Kirche angebracht worden. In einen Sandsteinrahmen sind drei schwarze Marmortafeln eingelassen, welche in Goldschrift die zwölf Namen der Gefallenen zeigen, gekrönt von einem Christuskopf, der von zwei Engelfiguren flankiert wird. 4

Diese zwölf jungen Niederdreeser Männer kehrten nicht mehr in ihre Heimat zurück:

Josef Feuser † am 8. August 1914

Johann Feuser † am 9. September 1914

Hubert Mörsch † am 5. Februar 1915

Mathias Bung † am 5. Februar 1915

Johann Udelhoven † 15. März 1915

Heinrich Fuss, † am 23. Oktober 1915

Franz Kribbeler, † am 28. August 1916

Peter Feuser, † am 26. Oktober 1916

Wilhelm Büser, † am 19. Oktober 1917

Johann Freischem, † am 24. März 1918

Josef Klein, † am 31. Mai 1918

Josef Udelhoven, † am 9. August 1918

Im März 2006 gab der Niederdreeser Ortsausschuss die Niederdreeser Dorferinnerungen Teil 1 „Gedenken“ heraus, um den Namen der Gefallenen ein Gesicht zu geben und zu erhalten.

Hartmut Neumann, 16. Oktober 2018